Dies ist eine Veröffentlichung in der Rubrik Piratengedanken.

Piratengedanken sind Berichte, Kommentare und Meinungen unserer Mitglieder. Diese Einzelmeinungen sind nicht zwangsläufig Parteimeinung! 

 

 

Bildung ist Kernthema der Piraten

Im Juli 2009 wurde auf dem Bundesparteitag (BPT) das Piratenprogramm um das Kernthema Bildung erweitert. Auf dem BPT am 15/16.Mai 2010 in Bingen werden zahlreiche Bildungsprogrammanträge aus unterschiedlichen Landesverbänden gestellt.
Von den Kernthemen Direkte Demokratie, Stärkung der Bürgerechte, informationelle Selbstbestimmung zeigt sich eine deutliche Parallele zum komplexen Thema Bildung und Selbstverwirklichung.
Erste weiterführende Ausarbeitungen zeigen sich im Frankfurter Manifest "Freiheit - Bildung - Demokratie", auch im Rahmen der KV-Gründung Frankfurt.

Um den Horizont der notwendigen Bildungsdebatte aufzuzeigen, werden hier sechs sich wechselseitig ergänzende Thesen für weitere intensive Beratungen vorgestellt. Fakten und Argumentationslinien sollen zusätzlich stützend wirken:

1. In Deutschland leben ca. 82 Millionen Menschen, davon 20% mit Migrationshintergrund. Wir sind eine Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft. Über 70% der Arbeitsplätze befinden sich im Dienstleistungssektor. Die Veränderungsdynamik in einem weltweit globalisierten Kapitalismus ist enorm. Von den Beschäftigten werden zunehmend hochentwickelte, differenzierte Kompetenzprofile in allen Beschäftigungssektoren erwartet.
Das deutsche Bildungssystem müsste hier endlich vorausschauend agieren, ist bisher aber habituell noch nicht in einer globalisierten multimedialen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts angekommen. Die Zukunft wird so verschlafen.

2. Etwa 12 Millionen Schülerinnen und Schüler (9,2 Mio. in allgemeinbildenden Schulen und 2,8 Mio. in beruflichen Schulen) werden täglich von ca. 700.000 Lehrerinnen und Lehrern unterrichtet. In jeden Hauptschüler, Realschüler und jeden Gymnasiasten werden wöchentlich 35 bis 37 Unterrichtsstunden gepumpt. Der Erfolg ist spärlich: Wir erreichen im Bundesdurchschnitt eine Abiturientenquote von 28%, ca. 260.000 Schüler pro
Jahr. Dem stehen gegenüber ca. 80.000 Schüler ohne Hauptschulabschluss (vor allem Sonderschüler, abgebrochene Hauptschüler) und 280.000 mit Hauptschulabschluss, der aber zunehmend arbeitsmarktpolitisch wertlos wird. Unter Berücksichtigung aller Schulformen, insbesondere der Berufsschulen und nachholender Abschlüsse auf dem 2. Bildungsweg, kommen wir deutschlandweit auf eine Abitur-/Fachabiturquote von 40 bis 45%. Ca. 35% eines Jahrgangs nehmen tatsächlich ein Studium auf. Damit sind wir auf Dauer international nicht konkurrenzfähig.

3. Das deutsche Bildungssystem ist unterfinanziert. Der Anteil der Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt ist seit Jahren rückläufig und liegt unterhalb des OECD-Durchschnitts. Das meinen z.B. nicht nur die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, sondern auch die OECD-Beobachter und die deutschen Arbeitgeberverbände. Allerdings: Analysen sind das eine, praktische Strategien und Maßnahmen der politischen Umsteuerung und die Finanzierung des Umbaus das andere.

4. In den nächsten 8 bis 10 Jahren scheiden etwa 50% der derzeitigen Lehrer (über 300.000 durch Früh-/Pension) aus dem Schuldienst aus. Ab 2013 zeigt sich verstärkt die demografische Lücke, d.h. ein deutlicher Rückgang der Schülerzahlen ist vorhersehbar.
Die Folge wird sein: eine drohende Facharbeiter- und Akademikerlücke. In 5 Jahren verfügen z.B. in einer Großstadt wie Frankfurt mehr als 60% der Kinder in der Grundschule über einen Migrationshintergrund. Das stellt alle Beteiligten vor neue Herausforderungen und zwingt zu einem radikalen Umbau des Schulsystems. Der Teufelskreis aus – niedriger sozialer Schicht, Migrationshintergrund, geringwertiger Schulbildung, niedriger Ausbildungsquote, steigenden Integrationskosten als Folge einer verfehlten Bildungspolitik – muss durchbrochen werden. An der Einführung der flächendeckenden Ganztagsschule (min. 70% der Schulen) mit systematischer Förderung des Einzelnen führt kein Weg vorbei. Präventive Bildungspolitik macht einen Großteil der späteren sozialpolitischen Reparaturmaßnahmen überflüssig. Gleichzeitig brauchen wir aber auch mehr Mittel in der Spitzenförderung. Deutschland ist das Land der Dichter, Denker und intelligenten Maschinenbauer – eine effiziente Förderung neuer Ideen und Kreationen durch die öffentliche Hand ist angesagt. Almosen und kleine »Stiftungspreise« sind hier der falsche Weg.

5. Die Weichen können tatsächlich jetzt neu gestellt werden. Wir brauchen einen Masterplan »Bildung bis 2016« mit einer klaren Rahmenorientierung:

  • Flächendeckende Frühförderung aller Kinder, insbesondere Deutsch, Musik, Sport und interkulturelles Lernen (keine neuen Programme, sondern Taten!)
  • Neue Lernkulturen und Qualitätsverbesserungen in allen öffentlichen Schulen; besonders hervorstechende Qualitätsschulen werden als Referenzpunkte gesetzt
  • Eine neue Lehrerausbildung: Persönlichkeiten braucht die Schule, keine ferngesteuerten Modulrealisierer, Erbsenzähler und Paragraphenreiter
  • Eine neue Prüfungsdidaktik und neue Maßstäbe einer Leistungsbeurteilung
  • Mindestens 75% Abitur in einer Jahrgangsbreite
  • Mindestens 50% Universitäts- und Fachhochschulabschlüsse
  • Deutliche Reduzierung der Abbrecherquoten an Universitäten (zurzeit etwa 30% der Studierenden!)
  • Ein zusätzliches 100-Milliarden-Bildungsprogramm als bedeutsame Zukunftsinvestition, das Bund, Länder und Kommunen gemeinsam stemmen.

6. Es besteht weitgehend Konsens darüber, dass dem Bildungssektor eine Schlüsselfunktion für Wachstum und Wohlstand in unserer Gesellschaft zukommt. Ausweitung hochwertiger, formaler Schulabschlüsse ist das eine und qualitative Steigerung der Kompetenzen das andere. Die Steigerung der Arbeitsproduktivität der Erwerbsbevölkerung ist ohne einen politisch initiierten Bildungsausbau nicht zu haben. Neue Tätigkeits- und Kompetenzprofile sind unter Beteiligung aller gesellschaftlichen Gruppen zügig umzusetzen. Entgegen der Reform-Rhetorik und der Betonung der Bedeutung des »lebenslangen Lernens« (seit mindestens 10 Jahren!) sind die Weiterbildungsausgaben des Staates und der privaten Unternehmen reduziert worden. Die Weiterbildung verharrt auf niedrigem Niveau. Je früher wir aus dieser Sackgasse umkehren, desto besser. Die Arbeitgeber tragen hier eine besondere Verpflichtung und Verantwortung für Bildung, Aus- und Fortbildung der (zukünftig) Beschäftigten. An einer Neuerfindung der Berufsschulen als »Kompetenzzentren für Aus- und Weiterbildung« mit nachhaltiger Bildungswirkung wird keine Landesregierung vorbeikommen. Die selbstverantwortliche, qualitätszentrierte Schule steht auf der Tagesordnung.
Schulen als bürokratisch überformte Anstalten gehören endgültig der Vergangenheit an. Moderne Schulen besitzen volle Rechtsfähigkeit, regeln weitgehend Bildungsprogramm und Organisation selbstständig, haben Personal- und Budgethoheit. Schule soll als "demokratische Polis" gelebt werden können.

Zu allen sechs aufgezeigten Thesen sollten zügig politisch-pragmatische Lösungen gefunden werden. An Konzepten mangelt es nicht, es fehlt am engagierten Gestaltungswillen in der Politik und am konsequenten Aufbruch von vielfältigen Bürgerbewegungen, die einfach mit gezielten Reformen anfangen und nicht allein auf den »Staat« als Allheilmittel setzen. Bundestagswahlen, Landtagswahlen, Kommunalwahlen sind eine Form der demokratischen Willensbekundung. Der Souverän entscheidet "oberflächlich" mit, mehr nicht. Ohne Verstärkung direkter Demokratie und Ausweitung der Rechte von Schülern, Lehrern und Eltern werden kaum zukunftfähige Lösungen gefunden werden.

Nachtrag:
Einige Milliarden Euro sind für Gebäudesanierung und Innenausstattung für Hochschulen und Schulen genehmigt, sozusagen als Konjunkturprogramm zur Abdämpfung der Wirtschaftskrise (nicht aus Überzeugung zur Bedeutung von Bildung!). Von einem pädagogisch-didaktischen Aufbruch keine Spur.

Gleichzeitig erhielt allein die Hypo Real Estate 2008/2009 weit über 100 Milliarden Euro an Subventionen, um den Zusammenbruch abzuwenden. Noch vor 18 Monaten wussten 99% der Bevölkerung gar nicht, dass es die HRE überhaupt gibt. Die Netto-Neuverschuldung beträgt allein beim Bund 2010 weit über 90 Milliarden Euro. 2011 wird eine Verschuldung in ähnlicher Höhe anstehen. Alles andere – nämlich die (geplante?) Absenkung weitere Neuverschuldung ab 2012 – sind reine Spekulation. Einnahmen und Ausgaben driften immer weiter auseinander. Steuerpolitik ist letztlich Machtpolitik.

Weitere Fakten zum Bildungszustand in Deutschland: hier

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Kommentare

Bildungsproblematik

Bildung ist wichtig, Bildung ist unterfinanziert, das ist nichts neues. Doch woher kommt das nötige Geld? Der Hinweis auf die Milliarden zur Bankenrettung ist reine Polemik, da möchten sich die Piraten offenbar den etablierten Parteien annähern. Vielleicht wären den Piraten der Finanzkollaps der EU ja gelegen gekommen?

Unterschwellig scheint der Autor die Bildungsprobleme hauptsächlich den Migranten anzulasten. Schade eigentlich.

Es steht zwar nur in einem Nebensatz, ich verstehe aber nicht wo die Parallele zwischen Stärkung der Bürgerrechte und Bildung besteht. doch nicht etwa im FDP-Wahlspruch "Bildung ist Bürgerrecht"?

Und was sehen Piraten anders als die sonstien Parteien? "Mehr Geld" schreien kann jeder.

An der Sache orientierte Fragen?

Lieber Gast,

willst du ernsthaft diskutieren?

"Bildung ist wichtig, Bildung ist unterfinanziert, das ist nichts neues."
Stimmt: Bildung ist wichtig, sagen alle, ist so unschädlich. Vgl. aber bitte die Konkretisierungen im Artikel, da zeigen sich enorme Unterschiede innerhalb des Parteienspektrums. Hier findest du bei den Piraten NEUES! Vgl. auch Frankfurter Manifest.

"Doch woher kommt das nötige Geld? Der Hinweis auf die Milliarden zur Bankenrettung ist reine Polemik."
Das sind finanzpolitische Überlegungen, insbesondere steuerpolitische. Deshalb der Satz: Steuerpolitik ist Machtpolitik. Dazu haben die Piraten bisher keine abgestimmte Position. Eins scheint mir jedoch unumgänglich: Das politische Großfeld Wirtschafts- und Finanzpolitik steht bei den Piraten spätestens nach dem BPT auf der Agenda. "Reine Polemik" - kann ich nicht erkennen. 100 Milliarden für HRE oder 20 Milliarden für die Commerzbank aus öffentlichen Mitteln (Schuldenaufnahme, keine Steuereinnahmen!!) sind doch keine Polemik sondern Tatsachen. In Hessen wird hingegen aktuell (April 2010!) getritten über 35 Millionen Euro Streichung im Hochschulbereich, über 45 Millionen im Schulbereich. Auch das sind Tatsachen, keine Polemik.
Die internationale Finanztransaktionssteuer (Antrag auf dem BPT) ist nur eine mögliche Quelle zukünftiger Einnahmen, allerdings mit enormen Potenzial (deshalb stark umkämpft). Dazu wird es bei den Piraten sicher auch Diskussionen geben. Jedenfalls für Steuerentlastungen, wie das die FDP immer wieder ins Spiel bringt, ist absolut kein Spielraum. Das sieht sogar inzwischen die CDU ein.

"Vielleicht wären den Piraten der Finanzkollaps der EU ja gelegen gekommen?"
Ist das nicht von dir Polemik pur? Welche Argumente hast du?

"Unterschwellig scheint der Autor die Bildungsprobleme hauptsächlich den Migranten anzulasten. Schade eigentlich."
Das ist von dir eine Fehldeutung des Artikels. Das Gegenteil ist der Fall. Integrationspolitik ist eine Hauptaufgabe, auch innerhalb der Bildungspolitik. Ich verweise auch auf meine Zusammenfassung des Bildungsberichts 2008.

"doch nicht etwa im FDP-Wahlspruch "Bildung ist Bürgerrecht"? "
Was hast du dagegen einzuwenden? Bildung ist Bürgerrecht geht auf Dahrendorf (1965) zurück mit einigen Vorläuferdiskussionen, wurde 1970 vom deutschen Bildungsrat erneut aufgenommen. Scheint mir auch heute noch gültig. Ich würde gern von dir dazu einiges hören, vielleicht etwas Besseres?

""Mehr Geld" schreien kann jeder."
Ich weiß nicht, wer hier schreit? Hier wird der Bildungszustand geprüft. Und die Unterfinanzierung ist eine Tatsache. Quelle hatte ich ebenfalls angegeben. Was aber hast du zur Klärung der Sache beizutragen?

Freundliche Grüße
Michael Miller

 

 

 

Bildungsproblematik

Ich finde nicht wirklich viel neues im Artikel. Es steht doch selbst im Artikel: Zu allen sechs aufgezeigten Thesen sollten zügig politisch-pragmatische Lösungen gefunden werden.

In Sachen Migrantenprobleme habe ich in der Tat den Artikel eher fehlgedeutet. Ich gebe hier im Grunde recht.

Die Schuldenaufnahme zur Bankenrettung war zwingend notwendig, mit zusammengebrochenem Finanzsystem funktioniert Europa eben nicht mehr. Das lässt sicht nicht vergleichen mit Bildungsausgaben. Sicher wäre es schön mehr zu investieren, das ist aber kein Grund sich enorm zu verschulden. Notfalls können wir auch dumm und arm leben.

Ich sehe ein, dass Bildung unsere einzige Ressource ist und mehr investiert werden muss. Die Frage, die im Raum steht: Verschuldet man sich für die Bildung weiter, oder spart man das Geld an anderer Stelle? Wenn ja, dann wo? Alternativ führt man neue Steuern ein oder erhöht sie.

Re: Bildungsproblematik

Bildung ist wichtig, Bildung ist unterfinanziert, das ist nichts neues. Doch woher kommt das nötige Geld?

Politik ist ja auch, bei knappen Budgets darüber zu streiten wofür das Geld ausgegeben wird. Es kann ja nicht schaden, wenn die Piraten mal klar ihre Prioritäten darstellen. Und Bildung ist nicht nur wichtig, es ist sogar unsere einzige Ressource.

Unterschwellig scheint der Autor die Bildungsprobleme hauptsächlich den Migranten anzulasten.

Kann ich jetzt nicht erkennen. Tatsache ist aber, dass man heute im Bildungssystem mit den Auswirkungen einer jahrzehntelang verweigerten Integrationspolitik zu kämpfen hat. Migranten trifft da kaum eine Schuld.