Eine Antwort zu Kunst und Kultur

Lieber Landesverband Professionelles Freies Theater,
wir haben feststellen können, daß Frankfurt die Großtadt mit den höchsten Pro-Kopf Ausgaben für Kultur ist (250 € / Einwohner/-in). Trotzdem wird Frankfurt nicht in erster Linie als eine Stadt der Kultur und Kulturschaffenden wahrgenommen, sondern nach wie vor primär als Standort der Finanzwelt.
Vielleicht liegt es daran, dass sich Frankfurt zu sehr auf die Förderung bereits etablierter und renommierter Künstler konzentriert. Zum anderen kann Frankfurt sicherlich nicht im hohen Maße von einer historisch gewachsenen Subkultur profitieren, die schon immer als Magnet und Schmelztigel für viele Kunst- und Kulturschaffende Inspiration bedeutete.
Die aktuellen Schwerpunkte der Kulturförderung sind nicht unbedingt schlecht, aber manchmal muss man den ganzen Krempel mal beiseite räumen. Einfach um einen freien Raum zu schaffen, in dem was Spannendes, Neues entstehen kann. Wir haben nichts gegen's Geldverdienen, aber wir leben lieber in einer Stadt, die mit von Künstlern gestaltet wird – und nicht nur von Beamten und Bankern. Insofern finden Initiativen und Vorschläge, die den Etat hin zu freien und offenen Projekten umleiten, grundsätzlich unsere Sympathie und Unterstützung.
Über einen weiteren Dialog würden wir uns sehr freuen. Mit freundlichen Grüßen
Ihre Fankfurter Piraten
(Für die einzelnen Antworten bitte weiterlesen)

  1. Ein wichtiger Grund für freischaffende Künstler, in Berlin zu Arbeiten, ist die Förderung durch den Hauptstadtkulturfonds. Diese wichtige Einrichtung fördert Kultur aller Sparten in öffentlichen Antragsverfahren. In der Rhein-Main-Region gibt es den Kulturfonds Frankfurt Rhein-Main, der eine ähnliche Funktion einnehmen könnte. Was halten sie von der Idee, den Kulturfonds Rhein-Main so weiterzuentwickeln, dass in offenen Antragsverfahren freie wie institutionelle Kulturschaffende und Institutionen um Förderung ansuchen können?

    Wenn Antragsverfahren bzw. Stellungnahmen für jeden einsehbar und transparent sind, dann sind wir immer dafür. Jegliche Verteilung öffentlicher Mittel hinter verschlossenen Türen lehnen wir ab. Antragsteller sollen die Möglichkeit haben, ihr Anliegen fair und offen für Vergleiche vorzustellen. So können Antragsteller zumindest nachvollziehen, aus welchen Gründen andere Projekte mehr Förderung erhalten. Aus solchen Verfahren ergeben sich fairer Wettbewerb sowie oftmals Kooperativen, die gemeinsam mehr erreichen bzw. vorhandene Mittel besser ausschöpfen.
    Die Pläne des genannten Kulturfonds Rhein-Main sehen vor allem – auf den ersten Blick – die Hebung der Attraktivität von Frankfurt für die bereits international etablierte Künstlergemeinde vor. Das ist wie beim Fußball: Einkauf von Stars bei gleichzeitiger Vernachlässigung neuer Talente zeigt zumeist nur kurzfristig Erfolg – denn Moskau und vermutlich bald auch Städte wie Neu Dehli, Peking und Shanghai werden bald als neue „Bieter“ das Spielfeld betreten. Eine Förderung bereits ansässiger Künstler wie auch die Erhöhung der Attraktivität Frankfurts für auswertige „Noname“ Künstler ist notwendig.

  2. Viele freischaffenden KünstlerInnen im Bereich der Darstellenden Künste, die keine eigene Spielstätte besitzen, klagen darüber, dass eine viel zu geringe Zahl an Arbeits- und Proberäumen zur Verfügung steht. Um professionelle Produktionen erarbeiten zu können, sind diese jedoch unerlässlich. Zur Zeit werden Produktionszeiten unnötig verlängert und Wiederaufnahmen von älteren Stücken unmöglich gemacht. Sind sie bereit, mit öffentlichen Mitteln dafür zu sorgen, dass mehr Proberäume entstehen, vielleicht sogar ein größeres Probezentrum mit geeigneten Probe- und Arbeitsräumen?

    Ja, es müssen mehr Spielstätten und Proberäume für freischaffende Künstler aller Richtungen – auch und besonders im Stadtzentrum – geschaffen werden. Nicht ausgelastete öffentliche Spielstätten können unbürokratisch freien Kunstschaffenden zur Verfügung gestellt werden. Als weitergehendes Angebot können wir uns für alle Frankfurter Bürger geöffnete Proberäume und über die Stadt verteilt vorstellen.

  3. In fast allen Städten und Ländern Deutschlands entscheiden mittlerweile Fachbeiräte über die Verteilung der Theaterförderung mit und stehen den Kulturämtern als fachkompetente Experten zur Seite. Somit gibt es einen ständigen Blick von außen auf die jeweilige Szene. In Frankfurt gibt es keinen solchen Beirat. Sind Sie dafür, einen solchen einzurichten?

    Wir befürworten neutrale Fachkompetenz begleitend in politischen Entscheidungen. Hier gilt es für uns im Interesse der Öffentlichkeit auf Nachvollziehbarkeit zu achten. Die Zusammensetzung des Fachbeirats sowie seine Einbindung in politische Entscheidungsprozesse und ggf. Budgetverantwortung muss im Sinne aller Beteiligten ausgestaltet werden.

  4. Die Spielstätten in Frankfurt wie z.B. das Gallustheater oder das Titania erhalten zu wenig Mittel, um ihre Möglichkeiten voll auszuschöpfen, von einer besseren Ausstattung würden alle freie Gruppen profitieren. Halten Sie eine Erhöhung der Mittel für offene Spielstätten für notwendig?

    Wir halten gemeinschaftliche Requisitenkammern, Technik- und Kostümpools für freischaffende Künstler im Bereich der Darstellenden und anderer Künste für sinnvoll und finanzierbar, aus diesen Pools können Projekte freier Künstler notwendige Ausstattungen beziehen.

  5. Die Perspektivkommission, welche die Frankfurter Szene begutachtet, soll Vorschläge zu Weiterentwicklung der freien Darstellenden Künste machen, was unserer Ansicht nach eine große Chance darstellt. Leider sind ihre Stellungnahmen ausschließlich für die interne Verwendung des Kulturamtes bestimmt. Wir halten die Veröffentlichung und öffentliche Diskussion ihrer Einschätzung, sobald sie über die künstlerische Bewertung einzelner Gruppen hinausgehen, für notwendig. Was halten Sie davon?

    Transparenz in der Verwaltung ist unser klares Ziel. Da die Bewertung von Kunst schwierig ist und kein allgemeiner Maßstab dazu vorliegen kann setzen wir uns für eine sorgfältige Gewichtung der Förderung von "Hochkultur" und freier Szene ein. Neben einer künstlerischen Bewertung müssen auch viele Faktoren wie Integrationspotential und Persönlichskeitentwicklung berücksichtig werden. Gerade auch in Hinblick auf sozial wie finanziell benachteiligte Bevölkerungsgruppen.

  6. Auf welche Weise soll Ihrer Ansicht nach die neu entstandene, junge freie Tanzszene im Kontext von ID Frankfurt gefördert werden? Könnten Sie sich die Neueröffung eines Tanzhaus Frankfurt als neue künstlerische Heimat der freien Tanzszene vorstellen?

    Freies und öffentliches Engagement sind in ihrem Anspruch auf Förderung auch in der Vergabe von Mitteln gleichzustellen. Eine unvoreingenommene Förderung neuer Talente unabhängig von der Zusammenarbeit mit grossen Namen fördert die Vielfalt. Aber wir wissen auch um die Wirkung von Referenzen im Lebenslauf, halten eine Zusammenarbeit also auch sinnvoll für die Bekanntheit einzelner Künstler. Für die freie Szene unerlässlich ist jedoch ihre Unabhängigkeit zu wahren.

  7. Sind sie der Ansicht, dass eine ständig wachsende und sich weiterentwickelnde freie Szene einer angemessen steigenden Förderung bedarf?

    Ziel sollte sein, dass Kultur ein gleichwertiger und wirtschaftlich ebenso fair entlohnter Beitrag unserer produktiven Gesellschaft ist. Bis bis zu dieser Gleichberechtigung ist Förderung jeglicher Art notwendig. Eine Existenz Kulturschaffender im beziehungsleeren Raum ist jedoch weder zielführend noch sinnig - Kunst ist Teil der Gesellschaft und muss daher zwingend und sinnstiftend im Dialog mit dieser stehen.

  8. Haben Sie weitere Ideen zur Weiterentwicklung der freien Szene? Wir freuen uns auf ihre Antworten und Vorschläge
    • Mehr Kultur auf der Staße. Vorstellungen in der Innenstadt oder auch belebten Vororten ähnlich der Straßenmusik.
    • Eine Mini-Expo für Kunst und Künstler in Frankfurt.
    • Förderung von Kulturhäusern als Zusammenschluß von Künstlern in Läden mit Ausstellungsraum, als Treffpunkt oder kleine Bühnen.
    • Die Museen halbieren ihre Ausstellungsfläche und stellen den frei gewordenen Raum als Ateliers und Proberäume zur Verfügung. Es wird dort nicht mehr Kunst nur gezeigt, sondern auch gemacht.
    • PPF: public private fördership, die positiven und notwendigen Effekte einer lebendigen freien Szene auf Stadt und Lebensqualität müssen privaten Förderern verdeutlicht werden (auch ohne einen direkten „return of investment“)
    • Nacht/Woche der offenen Ateliers und Spielstätten
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