Entwurf für ein Bildungsprogramm

von Udo Riechmann

BILDUNG ALS MENSCHENRECHT

Erst nach der Geburt wird der Mensch als Mensch geboren: bildet er unter aktiver Teilhabe an seiner Umwelt die Fähigkeiten aus, die ihn vom Tier unterscheiden. Erst der geschickte Umgang mit der Sprache und all den anderen Hilfsmitteln, die die Menschheit in Tausenden von Generationen entwickelt hat – vom Hammer bis zum Handy über Farbstift und Fahrrad – läßt ihn zum „Prothesengott“ reifen. Doch der Gesellschaft fehlt offensichtlich die nötige Reife, mit diesen Prothesen intelligent umzugehen. Anstatt Freiräume für die für kreative Entwicklung aller zu schaffen, wird ein Teil immer rigider in immer sinnlosere Tätigkeiten gepreßt, während ein immer größerer Teil aus dem Arbeitsprozeß und vielen anderen Lebensbereichen ausgegliedert wird. Vor allem, aber nicht nur den Ausgegrenzten gelingt es immer weniger, den Kindern die für ihre Entwicklung nötige Umwelt zu schaffen.

„Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen,“ sagt ein altes Sprichwort. Doch diese Dörfer in all ihrer Vielfalt gibt es nicht mehr, und die zunehmend funktionslosen Familien können sie kaum ersetzen. Bildungsbürgerliche Initiativen wie „Waldkindergärten“ oder „Musik-Kitas“ (evtl. Kasten dazu) versuchen, dem entgegenzuarbeiten. Sie erreichen aber nur wenige, vor allem nicht die, die es am nötigsten hätten. Warum also nicht „Waldkindergärten“ an der Nidda oder im Stadtwald für Bonames, Frankfurter Berg oder Niederrad, „Musik-“ oder „Schauspiel-Kitas“ im Bahnhofsviertel, im Gallus oder in Griesheim in Zusammenarbeit mit Schauspiel, Städelschule Ensemble Moderne, Forsyth-Company...

Bildung ist Menschenrecht, deshalb darf niemand von der Gesellschaft mit häufig überforderten Eltern allein gelassen werden. „Familienhebammen“ müssen die Mutter und möglichst auch den Vater schon vor der Geburt unterstützen, mit Rat und Tat zur Seite stehen und auf die verschiedenen Fördermöglichkeiten hinweisen. Wie in Schweden sollten die Kinder regelmäßig vom Arzt auf ihre sprachlichen, sensorischen und motorischen Fähigkeiten untersucht werden Ihre Eltern werden nötigenfalls verpflichtet, sie in die Krippe oder den Kindergarten zu schicken. Zu wünschen wäre der Kindergartenbesuch von allen, auch um die soziale Kompetenz der oft einzeln oder mit großem Altersabstand aufwachsenden Kinder zu entwickeln – gerade bei Eltern, die meinen, „es nicht nötig zu haben.“

Nur im nicht immer konfliktfreien Umgang mit Gleichen, das heißt hier Gleichaltrigen und in der praktischen Aneignung ihrer Umwelt können die Kinder ihre Interessen und Fähigkeiten entwickeln. So werden sie gestärkt, selbstbestimmt mit den auf sie einstürmenden Medien umzugehen. Durch die Zumutungen des Straßenverkehrs wird ihr Bewegungsraum auf immer kleinere Inseln eingeschränkt, während die Reizüberflutung durch Fernsehen und Computerspiele immer früher einsetzt. Dem muß möglichst früh entgegengewirkt werden, damit die heutigen Kinder, die „digital natives“ das nötige Selbstbewußtsein und die Neugier mitbekommen, um zu lernen, sich mit der Sicherheit eines Eingeborenen im Dschungel des Internet zu bewegen.

Stärkung des Selbstbewußtseins, Entwicklung und Förderung der eigenen Interessen und Fähigkeiten muß auch im Zentrum der außerschulischen Jugendbildungsarbeit stehen. Die vom Bildungssystem frustrierten sind nicht durch weitere „Fördermaßnahmen“ zu demotivieren. Erstens ist deren Angebot vom Interesse der Anbieter und nicht von den Interessen der „Maßnahmeteilnehmer“ bestimmt, zweitens kann niemand den konkreten Qualifikationsbedarf in fünf oder gar zehn Jahren voraussagen und drittens geht der Arbeitsgesellschaft sowieso immer mehr die Arbeit aus. Damit sinkt auch überproportional die Nachfrage nach Absolventen drittrangiger „Qualifizierugsmaßnahmen“.

Die Pubertät, eine Zeit völliger, nicht nur sexueller Um- und Neuorientierung, bietet aber auch eine, oft die letzte Chance auf einen hoffnungsvollen Aufbruch. Aus Objekten staatlicher Maßnahmen können die Subjekte der eigenen Entwicklung werden. Das gelingt am besten, wenn die künstlerischen Fähigkeiten geweckt und die Kreativität im Umgang mit sich selbst und dem eigenen sozialen Umfeld gefördert werden. In Zusammenarbeit Hochschule für Gestaltung, der Städelschule, der Hochschule für Musik und Darstellende Künste und anderen wäre in möglichst vielen, vor allem aber in den benachteiligten Stadtteilen mit Bildhauern, Schauspielern, Musikern... in allen nur denkbaren Kombinationen Projekte für Jugendliche und junge Erwachsene zu entwickeln. Theaterstücke könnten geschrieben, geprobt, Bühnenbild und Kostüme geschaffen, das Ganze schließlich aufgeführt werden, unter Umständen kombiniert mit Tanz und Musik(Anfänge des Gallus-Theaters). Freizeitgelände könnten gestaltet, Gebäude errichtet, renoviert und umgebaut werden(Café Exzess). Keinem Einfall wäre Einhalt zu gebieten, wenn er sich nur ernsthaft umsetzen wollte. So würden die jungen Leute sich selbst ganz neu erfahren und lernen sich in der sich stets wandelnden Wirklichkeit zu behaupten; möglicherweise auch in einem dann mit Interesse und Motivation ergriffenen Beruf.

II: Schulische Bildung

Vielleicht war es gattungsgeschichtlich notwendig, den Kindern im Alter von fünf bis sechs Jahren „die Flausen auszutreiben“ und „an den Ernst des Lebens zu gewöhnen“. Die Kinder mußten mithelfen, das Überleben zu sichern, Lernen wurde Arbeit, schlimmer als die Arbeit: „Lehrjahre sind keine Herrenjahre.“ Die heutigen Schulen stehen in dieser Tradition. Das Leiden der vergangenen Kindergenerationen lastet als Schulsystem auf den Hirnen der heutigen Schüler. Sie von dieser Last zu befreien, kann nicht in einer Generation gelingen, geschweige mit einem Kommunalwahlprogramm umgesetzt werden. Doch nur so kann das „lebenslange Lernen“, das allseits gefordert wird, von einer fremdbestimmten Pflicht zu einem eigenen, dringenden Bedürfnis werden. Deshalb sind alle Reformen daran zu messen, inwieweit sie uns diesem Ziel näher bringen. Im folgenden seien nur einige Schritte genannt, die die PIRATENPARTEI in dieser Richtung für nötig, keinesfalls schon für notwendig hält: Die ganze Not zu wenden, bedarf es mehr.

Wie hätte eine Schule auszusehen, die die gescheiterten Bildungskarrieren gar nicht erst entstehen ließe? Sie hätte – wie die vor- und außerschulische Arbeit – an der natürlichen Neugier und an der kreatürlichen Lernfähigkeit anzusetzen, die sich immer noch am besten untereinander in interaktiven Gruppen entfaltet, in denen der Eine dem Anderen hilft und die Entdeckungen zusammen gemacht werden. Die Lösung ist für alle neu und wird gemeinsam gefeiert, nicht von einem allwissenden Lehrer vorgegeben und abgefragt. Spontane Gruppenbildungen zu eigenen Fragestellungen sind zu fördern, andere – vor allem von Schülern mit unterschiedlichen Voraussetzungen – anzuregen. Lehrer können Fragen aufwerfen, Probleme zeigen, sie dürfen, müssen es sicherlich gelegentlich auch, Tipps geben, auf keinen Fall dürfen sie die Entdeckerfreude der Kinder ersticken. Umwege können produktiv sein, eigene Fehler lehrreicher als das sture Auswendiglernen noch so richtiger Lösungen.

Der Mensch lernt mit allen Sinnen – wenn er nicht nur auswendig lernt. Es ist nicht zuletzt die fortschreitende Entsinnlichung, die Reduktion der Schule auf die bloße Vermittlung von Worten, Formeln und Zahlen, die die Schüler das Lernen überhaupt als sinnlos erfahren läßt. Deshalb müssen Gärten, Küchen, Werkstätten und alle Formen künstlerischer Tätigkeiten ein viel größeres Gewicht auf allen Jahrgangsstufen bekommen, wobei die Bildhauerei, das Kostümschneidern und der Kulissenbau die handwerklichen Fähigkeiten fördern und der Tanz die motorischen. Das Erlernen von Theaterstücken oder die Entwicklung eigener Stücke verbessert die sprachliche Ausdrucksfähigkeit und den Umgang mit Textverarbeitungssystemen.Sie führt zur bewußten Aneignung der eigenen Lebensgeschichte und hilft bei der Entwicklung einer Lebensperspektive.Im Musikunterricht könnte man an Computern allein oder auch in der Gruppe komponieren, um nur noch ein Beispiel zu nennen.

Zu achten ist bei alldem auf ein ausgewogenes Lernangebot und darauf, daß die Schüler davon auch Gebrauch machen. Das auf allen Ebenen jämmerliche Bildungsniveau der „allgemeinbildenden Schulen“ muß dringend angehoben werden. Das sinnlose Pauken unbegriffener Formeln für die nächste Klassenarbeit bringt erwiesener Maßen nichts außer Einsen in Massen. Aber eine Kostenkalkulation für die Theateraufführung, eine Materialprüfung für das Bühnenbild, die Konstruktion eines Laserprojektors für die Aufführung etc. können mathematische, ökonomische, technische und naturwissenschaftliche Kenntnisse vermitteln, die auch im späteren Leben verfügbar sind; im Schulgarten, in Werkstatt und Küche läßt sich biologisches und meteorologisches, chemisches und physikalisches Wissen erarbeiten. Wissenslücken, die bei solchen Großprojekten bleiben, müssen auf intelligente und die Lernenden ansprechende Weise gefüllt werden. Ist die allgemeine Neugier und Entdeckerfreude der Kinder bewahrt und durch spannenden Unterricht immer wieder angestachelt, lassen sich auch Quantenmechanik, Derivatehandel und die Entstehungsbedingungen psychischer Krankheiten und ihre Heilungschancen lernen. Das Ziel muß der selbständig denkende Mensch sein.Und Denken tue ich nur mit dem, was ich im Kopf habe, nicht mit den Internet.

Solche Schulprojekte leben vor allem in der Anfangsphase vom Engagement der Lehrer und Eltern, das sich als Lernfreude auf die Schüler überträgt. Sollen solche Projekte gegen den Willen der Eltern und Lehrer
erzwungen werden, nehmen diese die Kinder nur zur Geisel und übertragen ihre eigene Angst vor der Freiheit auf die Kinder. So erzeugen sie selbst das von ihnen befürchtete Chaos. Die Obrigkeit kann Freiheit nicht erzwingen! Sie kann allerdings bei solchen Projekten mit Rat und Tat zur Seite stehen. Vielerorts, auch in Frankfurt wunde vieles von dem Vorgeschlagenen schon vielen Einzelfällen und mit großem Erfolg bei riesiger Begeisterung aller Beteiligten durchgeführt, doch meistens nur vorübergehend und finanziert von privaten Stiftungen. Die Stadt sollte einen Personalpool bilden, der diese Versuche auswertet, die Ergebnisse Eltern, Lehrern und in geeigneter Form auch Schülern zu Verfügung stellt. Der Pool soll auch den Schulen bei der Entwicklung neuer Projekte helfen. Ein städtischer Sonderetat muß gewährleisten, diese neuen Unterrichtsformen endlich auf Dauer zu stellen. So wird ein Prozeß in Gang gesetzt, der die Einheitsschulen, egal ob als Gymnasium, Gesamt-, Real-, Haupt- oder Grundshulen, Vergangenheit werden läßt.

Das Ziel aller Reformen soll sein:

U N G L E I C H H E I T  F Ü R  A L L E !

Noch keine Bewertungen vorhanden