Kurzbericht 22. Sitzung: B³ = Bürgerfragestunde, Bauvorhaben, Bullshit-Bingo

Bingo

Vorstellungen von Bauvorhaben in der Bürgerfragestunde des Ortsbeirats 2 sind nie ein leichtes Unterfangen, speziell, wenn sie im Westend stattfinden sollen. Die Anwohnerinnen und Anwohner haben einfach zu viele leidvolle Erfahrungen damit machen müssen. Insofern ist es den Investoren regelmäßig hoch anzurechnen, wenn sie sich dennoch in die "Höhle des Löwen" begeben, denn verpflichtet sind sie dazu nicht.

Dennoch frage ich mich häufig, warum diese Präsentationen alle nahezu gleich sind und von den wohlfeilen Worten am Ende der Fragestunde kaum etwas übrig bleibt.

Dieses Mal hatten wir gleich zwei dieser Vorstellungen und um es vorweg zu nehmen: Manches Mal wusste ich nicht, ob ich (hysterisch) lachen, oder weinen sollte.

Den Anfang machte das Bauvorhaben Myliusstraße 34 / Wiesenau 31. Wie üblich stellten Menschen in Anzügen, mal mit, mal ohne Kravatte aber wichtigen Titeln zunächst die Firma vor, dann das Bauprojekt mit den ebenfalls üblichen Zeichnungen und Lageplänen.

Die Besonderheit an diesem Investor ist die Tatsache, dass es sich um eine gemeinnützige Stiftung handelt, was mehrfach betont wurde. Der Geschäftsführer ließ sich sogar zu der Aussage hinreißen, dass man eben nicht der "übliche Investor" sei. Es blieb nicht die einzige interessante Aussage dieses Mannes. 

Das Grundstück mit seiner teils denkmalgeschützten Architektur lag mehrere Jahre brach. Als Grund hierfür wurde angegeben, dass es zunächst einen Erbstreit gab, der gerichtlich über drei Instanzen gewonnen wurde, anschließend eine Machbarkeitsstudie umgesetzt wurde, in der empfohlen wurde, das Gelände selbst zu verwerten, nur um direkt danach mit einem potentiellen Käufer ein weiteres Jahr lang zu verhandeln. Diese Verhandlungen scheiterten nach eigenen Angaben einen Tag vor dem Notartermin. Also zurück zum Ergebnis der Machbarkeitsstudie. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mein erstes Bullshit- bzw Buzzword-Bingo bereits voll.

Die alte Donsdorf-Villa - das Wort kam in der Präsentation nicht ein einziges Mal vor - soll saniert werden und zukünftig vier Wohnungen enthalten mit bis zu über 200 m². Daneben wird ein Neubau errichtet mit weiteren 12 Wohneinheiten. Komplettiert wird das Ganze mit zehn Tiefgaragenparkplätzen. Die Wohnungen des Neubaus sind zwar alle barrierefrei erreichbar, aber ob die Wohnungen selbst, oder wenigstens ein Teil davon dieses Ausstattungsmerkmal haben werden, darauf wollte man sich doch nicht festlegen.

Der Neubau unterscheidet sich nicht wesentlich von dem, was heute so üblicherweise gebaut wird - Sie merken schon, das Wort "üblich" in seinen vielen Ausprägungen kommt öfter vor. In der Hedwig-Dransfeld-Straße wurde der Stil als "hanseatisch" betitelt, hier war es nach meiner Erinnerung "klassisch", aber die Wortwahl ist beliebig. SIe kennen das: bodentiefe Fenster, glatte Flächen unterbrochen von "klaren Stilelementen"; eine abgestufte Bauweise lässt Platz für offene Flächen, statt profaner Balkone. Es ist allgegenwärtig und ich war versucht zu fragen, warum diese Gebäude eigentlich alle gleich aussehen müssen. Merken Sie sich diese Frage, ich komme darauf zurück.

Sie erinnern sich, dass die Gemeinnützigkeit der Stiftung hervorgehoben wurde. Das mag vielleicht auf den Stiftungszweck zutreffen, jedoch haben diese Wohnungen damit rein gar nichts zu tun. Zumindest 20 Euro pro m² sollen erzielt werden. Die Gentrifizierung des Westends geht also weiter. Auf die Frage, warum es keine Sozialwohnungen in dem Komplex geben würde, antwortete der Geschäftsführer aus der Erinnerung wie folgt: "Wenn wir Sozialwohnungen eingerichtet hätten, hätten wir doppelt so hoch bauen können." Die Stadt hätte durchblicken lassen, dass dem Investor dann alles genehmigt worden wäre, führte er weiter aus. Ich bin sehr gespannt, ob die Stadt diese Aussage so mittragen würde.

Vollmudig wurde davon gesprochen, dass ein wenigstens sieben Meter hoher, in der Regel aber zehn Meter hoher Lärmschutzzaun errichtet werden würde; wörtlich: " Das hat sicherlich noch niemand der Anwesenden gesehen." Bitte merken sie sich auch diesen Satz. Die Frage, wie denn die benachbarte Wohnung in 12  Meter Höhe vor Lärm geschützt würde, traf auf Unverständnis und wurde nicht beantwortet. Den Rest möchte ich Ihnen an dieser Stelle ersparen.

Kommen wir statt dessen zum zweiten Bauprojekt "The Flag" an der Bockenheimer Landstraße 38 - 40. Der Name ist nicht zufällig gewählt, denn am Ende handelt es sich um den gleichen Investor, der bereits die "Studierendenappartements" im Philosophikum verbrochen hat. 

Auch hier begann die Präsentation mit der üblichen Darstellung des Unternehmens. Kerngebiete sind Hotels, "Business-Appartements", Studierendenheime, etc., also alles was Geld bringt. Leichter hätte man Sympathien nicht verspielen können, aber zumindest war es ehrlicher als das Gerede von "Gemeinnützigkeit".

Es soll also ein (weiteres) Hotel entstehen, natürlich hochpreisig - Entschuldigung: exklusiv. Nur am Rande wurde erwähnt, das der Lärmschutzzaun eine Höhe von 14 Meter hat - sie erinnern sich?

An dieser Stelle könnte man eigentlich schon aufhören und lediglich den Satz wiederholen, dass die Gentrifizierung des Westends weiter fortschreitet, wenn da nicht die übliche *sic* Präsentation des geplanten Gebäudes gewesen wäre. Sie erinnern sich, dass ich fragen wollte, warum alle Gebäude gleich aussehen müssen? Hier hätte ich mir gewünscht, dass es so wäre! Zwar lässt sich über Geschmack trefflich streiten, aber was dort präsentiert wurde, ist im Folgenden mit "unangemessen" noch am freundlichsten beschrieben - andere Worte waren "häßlich", "abstoßend", "Charme eines in den 80er Jahren aufgegebenen Gefängnisses". Kollegin Nimmerfroh fragte vollkommen zu Recht, ob sich der Investor dessen bewusst sei, dass dort nicht nur Gäste herausgucken würden, sondern dass die Bewohnerinnen und Bewohner, sowie sämtliche Passanten mit diesem Komplex tagtäglich konfrontiert würden? Ob sich der Investor der Geschichte, und des baulichen Umfelds des Westends bewusst sei? Zu diesem Zeitpunkt war ich offen gestanden noch sprachlos.

Auch an dieser Stelle möchte ich Ihnen den Rest ersparen, auch wenn Sie sicherlich noch viele berechtigte Fragen haben, von denen etliche nicht beantwortet wurden.

Statt dessen möchte ich auf einen weiteren Schwerpunkt der Bürgerfragestunde zu sprechen kommen, der sich auf wunderbare Weise in den Kontext einordnet. Die Ladengalerie in Bockenheim wurde an einen Investor verkauft. Erfahren hat das der Ortsbeirat wahlweise über die Presse oder betroffene Bürgerinnen und Bürger. Ich habeschon mehrfach darauf hingewiesen, dass es mit der Information des Ortsbeirats über ihn betreffende Angelegenheiten nicht allzu weit her ist.  Für jede beschlossene Kanalbauarbeit  bekomme ich eine Mail, aber hierüber muss ich mich auf die Presse oder Beziehungen verlassen. Dabei sind nicht nur etliche Ladenbetreiberinnen unf -betreiber betroffen, sondern auch vor Allem Mieterinnen und Mieter, nicht zuletzt von einigen der wenigen Sozialwohnungen, die Frankfurt noch hat. Wie mühsam zu erfahren war, hat offensichtlich die Stadt nicht von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch gemacht, sondern ist statt dessen eine Abwendungsvereinbarung eingegangen, dessen Inhalt unbekannt ist. Folgerichtig hat der Ortsbeirat einstimmig beschlossen, über dessen Inhalt in Kenntnis gesetzt zu werden.

Das Stadtteilbüro Bockenheim hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Mieterinnen und Mieter weiter zu informieren und entsprechende Veranstaltungen anzubieten. 

Damit will ich es für heute genug sein lassen. 

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