Rede von Sebastian Alscher auf der BGE-Tournee in Frankfurt

Rede von Sebastian Alscher auf der BGE-Tournee in Frankfurt

Am 6.5.2017 hat die BGE17-Tournee in Frankfurt Station gemacht. Hier der Bericht und die Rede von Sebastian Alscher dazu:

Neben mir waren auf dem Podium:
Elfriede Harth (Initiativgruppe BGE Frankfurt Rhein-Main)
Hardy Krampertz (AG Genug für Alle, Attac)
Ulrike Laux (Vorstandsmitglied IG-BAU)
Dominike Pauli (Fraktionsvorsitzende der Linken in der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung)
Wolfgang Strengmann-Kuhn (MdB – Bündnis 90/Die Grünen)

Das Format bestand in einer ersten Runde, in der jeder max 10 Minuten lang einen "eigenen Blick" auf das BGE gibt. Nach einer Pause verteilten sich dann die 6 Vortragenden an je einen der 6 Tische. In den sich anschließenden 3-mal 20 Minuten konnten dann die Besucher sich an die Tische setzen, und dem Betreffenden und der Gruppe Fragen stellen, Bedenken äußern, diskutieren etc.

Lief gut, kam gut an, wurde wie erwartet über alles mögliche diskutiert - Motivation nach BGE, Finanzierung, Auswirkungen auf Bildung usw. Insgesamt waren 70 vorher angemeldete Besucher dort und dann schätz ich mal 10 weitere.

Vielen Dank an der Stelle an Martina, Pawel und Gernot für den Support.

Das hier ist ein grobes Transkript der Rede, die ich live dann in ähnlicher Form vorgetragen habe, ein Mitschnitt wird folgen:

Ich weiss nicht, wie viele bereits vom Bedingungslosen Grundeinkommen gehört haben, und wie konkret das Verständnis und die Vorstellung darüber sind. Umso mehr freue ich mich über das Interesse heute. Es gibt in meinen Augen unterschiedliche Herangehensweisen, insbesondere wenn man über die nahe Zukunft nachdenkt, die einen dazu motivieren, über dieses Thema nachzudenken.

Für mich persönlich sind zwei Aspekte wichtig. Zum einen ist für mich die Würde des Menschen sehr ummittelbar mit seiner Freiheit verbunden. Das bedeutet für mich, dass man Möglichkeit hat mehr zu tun als nur das, was Kampf gegen Existenzangst ist.

Und gleichzeitig geht es mir darum, Deutschland wieder zu der Innovationskraft zu verhelfen, die es früher einmal hatte, mehr als jetzt. Unter Innovationskraft verstehe ich alles, was mit Kreativität zu tun hat. Sowohl technische Errungenschaften, Tüftler- und Erfindergeist, als auch im Bereich der Kultur.

Zunächst möchte ich aber gerne einen Schritt zurück machen und kurz meine Sicht schildern, wieso wir gesellschaftlich dort angekommen sind, wo wir heute stehen. Denn das hilft uns, für die Zukunft zu lernen.

Die Menschen fingen irgendwann an, nicht mehr alles selbst zu machen, sondern sich aufzuteilen. Es gab Schmiede, Weber, Schuster.

Einer der nächsten Schritte in der Entwicklung von Arbeit folgte mit Erfindung der Dampfmaschine, die bestimmte Berufsgruppen nahezu vollständig ersetzte. Hätte vorher jeder seinen Teppich selbst geknüpft, dann hätte das nicht den einschneidenden Effekt gehabt, aber so waren damit mit einem Mal Gruppen von Menschen existentiell betroffen, die nichts anderes taten als z.B. zu weben. Ihre Arbeitskraft wurde nahezu vollständig überflüssig.

Die Spezialisierung setzt sich fort, ebenso wie das Ersetzen menschlicher Arbeit durch Maschinen. Und während es häufig möglich war, dass diejenigen andere Arbeiten übernahmen, ist dies im Laufe der Zeit nicht mehr im gleichen Maß realisierbar gewesen. Die neuen Stellen, die durch industrielle Revolution geschaffen wurden, konnten nicht zeitgleich von den betroffenen Personen besetzt werden. Dazu war eine - ich sag mal - fast halbe Generation notwendig, um die Qualifikation zu erreichen, denn es war häufig ein Tausch von gering-qualifizierter Arbeit zu Fachkräften. Die strukturelle Arbeitslosigkeit hat sich damit erhöht.

In einer solidarischen Gesellschaft wäre auch das zunächst kein Problem.

Aber unbestritten fehlt uns heute der Klebstoff, der uns zusammenhält. Daher ist der Verlust des Arbeitsplatzes für jeden ein Drohszenario geworden, das einem nicht mehr nur die Schweissperlen auf die Stirn treibt. Es ist also genau das Gegenteil von dem, was ich als Freiheit beschrieben hab.

Somit geht es auch um das, was uns als Gemeinschaft verbindet und auch das, was uns Gemeinschaft erleben lässt. Und es ist unsere Aufgabe, das wieder herzustellen. So gut es geht.

Jetzt ist es nicht so, dass die Entwicklung zum Ende gekommen ist. Die nächste Revolution steht vor der Tür. Wer von Industrie 4.0 spricht marginalisiert das schlichtweg. Revolution 4.0 würde es vielleicht besser treffen.

Nachdem auf der sehr materiellen Ebene die Veränderung der Arbeit schon früher begann, mit Roboterstraßen - und auch das wird sich ja fortsetzen -, ist diese Revolution heute von der Entwicklung in der Informationstechnik getrieben. Berufe, die vorher scheinbar außen vor waren, sind also nun ebenso betroffen. Die „Kopfarbeiter“ werden sich dem nicht entziehen können. Um nur ein Beispiel zu nennen: Bei der der Schweizer Investmentbank UBS wurde ein Team von Händlern von Kreditausfallversicherungen durch einen Algorithmus ersetzt. Da geht es um Menschen, die für ihre bis dahin außergewöhnliche Leistung hohe Gehälter erhalten haben.

Das wiederum bedeutet, dass die Fenster mit der Chance auf Wiedereinstieg in die Arbeit sich zunehmend schließen. Vor diesem Hintergrund gebietet es alleine die gesellschaftliche Solidarität, dass Menschen nicht alleine gelassen werden, denn die Hoffnung „wieder rein zu kommen“, die vorher vielleicht noch Antrieb war, wird sich auch so immer weniger aufrecht erhalten lassen.

Das wäre, wenn man unsere Gesellschaft vom Problem her denkt.

Aber ich möchte genauso unsere Gesellschaft gerne vom Ziel her denken. Wie stellen wir uns unser Leben, unsere Gemeinsamkeit, in 20 Jahren vor?

Wir wollen nicht, dass Menschen Überlebens- oder Existenzängste haben.

Wir wollen Befreiung. Ermächtigung. Dichter und Denker sein. Erfinder sein. Risiken eingehen können. Das machen, was uns gefällt.

Diese Herangehensweise ermöglicht einem, das ganze mal ohne ideologischen Streit zu denken, ohne Streit über Zahlen, wieviele Arbeitsplätze die Entwicklung kostet etc. Es geht nur darum, was wir eigentlich wollen. Um dann zu schauen, gibt es Veränderungen, die wir einleiten können, die uns diesem Ziel näher bringen. Veränderungen, die uns auf eine Zukunft, wie WIR sie wollen, vorbereiten.

Es geht jetzt also nicht mehr darum, wie Richard David Precht das in einem Interview letztens formulierte,  die Liegestühle auf der Titanic umzudekorieren, sondern den neuen Kurs festzulegen, oder sogar das Schiff zu wechseln.

Immer mehr Maschinen können unsere Arbeit übernehmen. Und werden das auch. Das macht vielen Menschen Angst, insbesondere weil Erwerbsarbeit sinnstiftend und Quelle der Anerkennung in der Gesellschaft ist. Dieser Gedanke ist natürlich vollkommen überholt. Beitrag zur Gesellschaft, der Anerkennung verdient, geschieht nicht ausschließlich über Erwerbstätigkeit. Das wäre ein Schlag ins Gesicht für alle, die einem Ehrenamt nachgehen.

Befreit man sich also von dieser falschen Zuschreibung, dann muss man doch sagen, dass es eigentlich angenehm ist, wenn die Arbeit weniger wird. Weil wir eben nicht leben um zu arbeiten. Letzten Endes wäre es doch eine schöne Vorstellung, unsere Utopie, dass wir es schaffen, alle unangenehmen Arbeiten an Maschinen zu übergeben.

Damit der nötige Konsum aber nach wie vor bestritten werden kann, brauchen die Menschen ein Einkommen. Die wesentliche Bemessungsgrenze für Einkommen, unsere Erwerbsarbeit, ist aber weggefallen. Daher kann sich die Höhe nur noch am Bedarf orientieren. Das ist das Grundeinkommen, was wir erhalten werden, um diesen Konsum zu bestreiten.

Und als Frankfurter kann ich mir nicht verkneifen anzumerken, dass wir als Gesellschaft hier mindestens das schaffen müssen, was das Ziel einer emanzipierten Gesellschaft ist. Mindestens das, was Adorno in den Minima Moralia als Minimalbedingung beschreibt, ebenso wie den Traum eines Daseins ohne Schande.

Wird darunter die Leistungsgerechtigkeit leiden? Nein - denn es steht den Menschen dann frei zu arbeiten. Und für diese Arbeit auch ein Einkommen über das Grundeinkommen hinaus zu erhalten. Die Motivation wird sich also nur noch danach richten, was man gerne macht und ob das daraus erzielte Einkommen nach eigenem Empfinden angemessen ist. Entscheidungskriterium wird nicht sein, ob ich existenziell gefährdet bin, wenn ich etwas nicht tue.

Das wäre also das Ende der Flickschusterei am krankenden Sozialsystem. Vor der Einführung eines solchen Konzept steht logischerweise erst einmal die Willensbildung - wollen wir das überhaupt? Können wir uns mit solch einer Vision identifizieren, können wir uns ein solches Leben vorstellen?

Anschließend geht es um die Machbarkeit.

Elon Musk, der Gründer von Firmen wie SpaceX, die die bemannte Raumfahrt vorantreiben, und CEO von Tesla, erklärte einmal, was für ihn die Kriterien sind, sich oft vermeintlich unrealistischen Projekten anzunehmen. Für ihn sind dafür lediglich zwei Fragen entscheidend, die beide mit „ja“ beantwortet werden müssen.

1) ist das technisch machbar/stehen dem Naturgesetze entgegen?

2) trägt es zu einer besseren Welt bei?

Bevor der erste Mensch auf dem Mond war, gab es auch die Ungewissheit, ob das möglich sein wird. Und mit Verbissenheit und einer entsprechenden Vision wurde es möglich.

Zu Beginn erklärte ich, dass alles nicht so schlimm gewesen wäre, wenn wir nie mit der Arbeitsteilung angefangen hätten. Wenn wir jetzt noch auf Bauernhöfen uns selbst versorgen würden.

Wir können uns entscheiden, das Rad zurück zu drehen, die technischen Entwicklungen versuchen zurückzudrängen, bis wir dort ankommen.

Oder wir gehen weiter voran in eine Zukunft, die ohnehin unaufhaltsam ist. Und gestalten sie mit Optimismus.

Dieses von mir beschrieben Zukunftsbild können wir heute anfangen zu denken und mit Ideen zu füllen. Denn die Zukunft, die uns die Mittel dazu geben wird um das zu erreichen, die ist nicht mehr so fern.

Und das ist was Gutes.