Weg mit dem Tanzverbot, oder: Wie das Ordnungsamt unter den Akten die Bibel gefunden hat

Woher kommt der plötzliche Sinneswandel des Frankfurter Ordnungsamtes? Jahrelang wurden Veranstaltungen von Gründonnerstag bis Ostermontag geduldet. In diesem Jahr sollen sich nun die Frankfurter Clubbetreiber an das Hessische Feiertagsgesetz von 1952 halten. 
 
Ordnungsdezernent Volker Stein (FDP) pocht dabei mit Rückendeckung von Innenminister Boris Rhein (CDU) auf die Beachtung christlich-abendländischer Traditionen und lässt einen ins Grübeln kommen. Wie steht es denn um die Traditionen an den von Stein geforderten verkaufsoffenen Adventssonntagen? Wie sieht es da mit Ruhe und Besinnung aus, um die es dem fromm gewordenen Ordnungamt anscheinend geht?
 
Am kommenden Karsamstag (ganztägiges Tanzverbot) wird auf der Zeil, um nah am Thema zu bleiben, der Tanz um das goldene Kalb stattfinden wie jeden Werktag. Im Stadion zieht die Eintracht den Bayern die Lederhosen aus. Und wie auch an jedem anderen hohen Feiertag werden Mitarbeiter von Autowaschanlagen und Videotheken ihren Job machen. Insbesondere Mitarbeiter dieser Branchen können sich erst seit einem Jahr darüber freuen, dass ihre Chefs nun auch an Feiertagen öffnen dürfen. Wahrscheinlich gibt's dadurch ein paar neue Jobs und der Wirtschaft wird geholfen. Natürlich sind dann christliche Traditionen nicht mehr so überaus wichtig.
 
Vorbei sind die Zeiten großer Prozessionen durch die Stadt. Kirchliche Traditionen an den Osterfeiertagen sind längst Familientraditionen gewichen.
 
Aber nun will man den Leuten ernsthaft sagen, wie man sich die Feiertage so zu benehmen hat?
 
Wir glauben, Herr Stein und seine FDP muss uns da mal was erklären.
 
Und solange können wir nur raten. Geht es um Zucht und Ordnung? Dann sollte man schon konsequent sein, liebes Frankfurter Ordnungsamt. Dann auch bitte §8 Abs. 3 beachten. Hier wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass selbst bei der öffentlichen Darbietung von Rundfunksendungen sowie von Musik- und anderen Tonaufnahmen auf den ernsten Charakter der Feiertage Rücksicht zu nehmen ist.  Statt „Hit für Hit ein Hit“ nur noch gregorianische Choräle, statt Harry Potter und Indiana Jones nur noch Bibel-TV.  Es soll ja schließlich keine rechtsfreien Räume geben! Auch nicht in Radio und TV.
 
Piratentipp: Der Fernsehturm steht in Ginnheim. Einfach den Strom abschalten.
 
Oder geht es doch um eine Religionsdebatte (hinter der die Integrationsdebatte so vorwitzig lauert, und auf die wir uns doch so riesig freuen)? Dann sollte man den Kurs der letzten Jahre fortsetzen. Einer weltoffen Stadt wie Frankfurt, die global Player sein will, und weltweit um Geschäfte, Investoren, Besucher und Menschen buhlt, steht eine liberale und entspannte Sicht auf religiöse Dinge gut zu Gesicht. Plötzliches und striktes Beharren auf Vorschriften des letzten Jahrhunderts wirkt eher provinziell. So sehr, dass sogar hier lebende amerikanische Prediger darüber nur lächeln können.
 
Der hessische Innenminister Boris Rhein (Baujahr 72, ein Mann, der zu zeigen versteht, wo es lang geht) sagt, das Hessische Feiertagsgesetz sei nicht verhandelbar. Man könnte auch sagen: „alternativlos“.

 
Wir sind ja bereit zu lernen. Und lesen auch gerne mal in Gesetzen. Aber wo genau ist festgehalten, dass die Exekutive nun dem Volk erzählt, was verhandelbar ist? Gibt's da nicht noch sowas wie die Legislative? Aber man muss das Herrn Rhein nachsehen. Er kommt halt aus einer Partei, in der man gewohnt ist, beides zu sein.
 

Da es ihm, wie er selbst sagt, an Verständnis hapert, nochmal deutlich: Na klar ist das verhandelbar. Das ist ja sogar der Frankfurter CDU schon peinlich. Die Frage nach Tradition und Religion wird in Frankfurt sicher anders beantwortet werden als in einem hessischen Dorf, in dem der Tanzplatz neben der Kirche liegt. Daher könnte man das Gesetz so ändern, dass die aktuellen Feiertage zwar unter Schutz gestellt werden, dass aber die  genaue Ausarbeitung der Vorschriften den Kommunen überlassen wird. Das wäre auch einfacher für Herrn Stein. Er müsste nicht mehr nach der Meinung des Innenministers telegraphieren, der besseres zu tun haben sollte. Er muss nur mal kurz rüber zur Stadtverordnetenversammlung wetzen, um dann aus erster Hand zu erfahren, was genau er diesmal alles verbieten muss.

Und falls es wirklich einzig und allein nur um Traditionen geht, dann haben wir statt Tanzverbot an Ostern einen Vorschlag für Herrn Stein: Wie wäre es mal mit einem Arbeitsverbot am Wäldchestag? Wenigstens ab mittags?
 
(Mensch, Mensch, liebe traditionsbewusste CDU, wie kann man nur solch eine Frankfurter Besonderheit so vor die Hunde gehen lassen?)
 
Arbeitsverbot am Wäldchestag tauschen wir übrigens gegen Tanzverbot an Ostern. Karfreitag kann bleiben. Deal?
 
:-)
 
Schöne Grüße
Eure Frankfurter Piraten
 
PS: Liebe Grüne, was macht Ihr eigentlich? Oder seid Ihr inzwischen schon zu alt zum Tanzen? 
 
 
 
 
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Kommentare

Weg mit dem Gottesstaat!

Das besonders Absurde am Tanzverbot aus religiösen Gründen ist ja, dass meiner Erfahrung nach ausgelassenes Tanzen eine sehr viel höhere spirituelle Qualität hat als beispielsweise ein Gottesdienstbesuch.

Würden wir nun in einer demokratischen, pluralistischen Gesellschaft mündiger Bürger leben, könnte das ja einfach ein Jeder für sich selbst entscheiden, ob und auf welche Weise er Ostern feiern möchte. Zumal es doch die Traditionalisten nicht bedroht und beschneidet, wenn ich lieber tanzen gehe. Sie können ja trotzdem zu Gottesdiensten gehen, sich Papstreden anhören oder was auch immer.

Dass ich mir aber durch den christlichen Gottesstaat vorschreiben lassen muss, wann ich feiern darf und wann nicht, beschneidet aber meine Freiheitsrechte. Und das (mal wieder) durchgesetzt von einem Politiker einer Partei, die das Wort "Freiheit" in ihrem Namen trägt! Absurder geht es kaum!

Es ist dringend erforderlich, dass endlich eine klare Trennung von Staat und Kirche vorgenommen wird. Wenn dabei ein paar Feiertage wegfielen, wäre ich bereit, diesen Preis der Freiheit zu bezahlen.

Oliver Rau, Frankfurt am Main

Bitte gleich ganz abschaffen...

Bei uns (Bayern) gibts auch diese Tanzverbote an "stillen Feiertagen", und jedesmal ärgern wir uns aufs neue darüber, vor allem, wenn da auchnoch das mittlere Ferienwochenende betroffen ist (wie aktuell Ostern) ist das ärgerlich für Schüler, die zusammen mit Berufstätigen/Azubis feiern gehen wollen, da letztere meist nur an den Wochenenden Zeit hätten.
Religion als Grund vorzuschieben zieht wohl bei 99% der betroffenen Altersgruppe nicht mehr, und die, welche die Festtage in Ruhe verbringen wollen, werden ja wohl nicht gezwungen eine entsprechende Veranstaltung zu besuchen, mitten in Wohngebieten liegen die meisten Discos wohl eh nicht, bzw. wer dort wohnt ist es sicherlich gewohnt und/oder selber Schuld - Sportveranstaltungen sind schließlich auch erlaubt, und auch dort wohnen Leute drumrum....

Allgemein sind für meinen Geschmack zu viele kirchliche Sonderregelungen o.ä. im deutschen Gesetz verankert, was nichtmehr zeitgemäß ist. (Meine Meinung)

Aber villeicht können die Piraten ja auf lange Sicht bundesweit mal etwas in diesem Bereich bewirken?

... Ostern (christlicher Feiertag)

Logische Folgerung wäre, nicht das Tanzverbot, sondern den Feiertag ganz abzuschaffen wenn man keine religiösen Sonderregelungen möchte. Dann können die Berufstätigen ordentlich am Karfreitag und Ostermontag arbeiten und am Wochende zusammen mit Anderen feiern, die Religion hätte dann keinen Einfluss mehr. Nur das Tanzverbot abzuschaffen wäre nicht einmal der halbe Weg.

Falsch

Logische Folgerung wäre es, Christen am Karfreitag frei zu geben und das Tanzen zu verbieten... nachdem die christlichen Feste ja irgendwie alle von den heidnischen abstammen, hätten Heiden da auch frei, dürften aber tanzen und feiern, so viel sie wollen... Mitglieder aller anderen Religionen dürften da auch tanzen, nur ob sie da auch grad einen ihrer Feiertage hätten und daher nicht arbeiten müssten, kann ich spontan nicht sagen...

Religiöse Feiertage abschaffen

Die logische Konsequenz ist es tatsächlich, alle religiösen Feiertage ab zu schaffen. Persönlich habe ich damit überhaupt kein Problem, im Gegenteil. Voraussetzung wäre lediglich, dass die dann nicht mehr existierenden Feiertage gesetzlich im vollen Umfang den Urlaubsanspruch erweitern zum Beispiel in Form von "Sonderurlaub". Dieser "Sonderurlaub" darf jedoch nicht an einen religiösen Hintergrund gekoppelt werden.

Ich bezweifle jedoch, dass sich diese Idee gegen die Interessen der Wirtschaft durchsetzen lassen. Ein Versuch wäre es meiner Meinung jedoch wert und sei es nur, der fadenscheinigen Erläuterungen wegen, weshalb das angeblich nicht umgesetzt werden kann.

Das wäre durchaus eine auch

Das wäre durchaus eine auch von mir vertretbare Idee, wobei ich diesen "Sonderurlaub" vielleicht insofern besonders machen würde, dass der Arbeitnehmer diesen wirklich da nehmen kann wo er will, ohne dass der Arbeitgeber etwas dagegen machen kann, dann hat von mir aus jeder, der irgendwelche besonderen religiösen Tage hat (und sie dafür verwenden will), unabhängig von seiner Religion, die Möglichkeit seinen Glauben auszuleben. Wer nicht religiös ist, nimmt sie wenn er eine kurze Auszeit will.

Umsetzung der Abschaffung von gesetzlichen Feiertagen

So war das auch von mir gemeint. Die Form des Sonderurlaubs habe ich nur gewählt, damit er auch Arbeitnehmern zu Gute kommt, die einem über das gesetzliche Minimum hinausgehenden Urlaubsanspruch haben. Andernfalls könnte es schwierig werden auf bestehende Verträge ein zu wirken. Wirklich ideal ist das noch nicht, da es in manchen Branchen üblich ist, auf den Sonderurlaub (z.B.: Bildungsurlaub) zu verzichten, zum Karrierechancen nicht in Mitleidenschaft zu ziehen bzw um einem "Bossing" zu entgehen. Eine Lösung, die den neuen Urlaubsanspruch nicht unterscheidbar macht vom bisherigen, wäre mir lieber, habe ich aber leider (noch) nicht.

Da gebe ich dir zwar durchaus

Da gebe ich dir zwar durchaus Recht, jedoch sind Feiertage gerade für vielarbeitende Berufstätige einige der wenigen Möglichkeiten mal etwas anderes zu tun als zu arbeiten, Erholungstage zwischendurch sozusagen. Wobei Erholung für die einen sein kann, mal mit Bekannten feiern zu gehen, während andere die Tage lieber ruhig zu Hause o.ä. angehen.
Diese abzuschaffen, da wird wohl kaum ein Arbeitnehmer oder Schüler mitmachen, da das Interesse daran zu groß ist (-> Wille des Volkes, aus welchen Gründen auch immer).
Dass die Feiertage aus christlichen Gründen eingeführt wurden mag sein, heutzutage ist ihre Bedeutung, mit zunehmenden Arbeitszeiten und zunehmendem Arbeitsdruck (verbessert mich wenn ich falsch liege, ich bin noch Schüler bzw. bald Student, aber so bekomme ich das mit) durch Globalisierung und co, sowie abnehmender Religiösität, gewandelt, denke ich, gerade wo Wochenenden "aufgeweicht" werden, was Arbeitszeiten betrifft.

Jedoch kann ich mir nicht vorstellen, dass der Großteil der Bevölkerung unbedingt Tanzverbote/Unterhaltungsveranstaltungsverbote an Feiertagen will, sondern die meisten vermutlich eher selbst bestimmen wollen, wie sie ihre Feiertage gestalten. (-> was dann wiederum der Wille des Volkes wäre, und Ziel der Politik sollte wohl sein, den Willen des Volkes umzusetzen, daher: Erhalt der Feiertage und Abschaffen sinnloser Verbote)

Oder wie seht ihr das?

Wäldchestag

Die Stadtverwaltung hat am Wäldchestag übrigens Nachmittags frei... deswegen sehen die Stadtväter da wohl keinen Änderungsbedarf... sie haben ja frei... ;)

Dass die das selbst nicht

Dass die das selbst nicht merken...